Verantwortung übernehmen – die Palästinenser und ihre Tragödie. Von Shlomo Avineri

Die Palästinenser stilisieren die «Nakba» mit Nachdruck zur Urkatastrophe ihres Volkes. Was impliziert: Die Gründung des Staates Israel habe 1948 ihre Vertreibung besiegelt. Die historischen Fakten sehen anders aus: Die Palästinenser selbst haben den Uno-Teilungsplan verworfen und stehen dafür in der Verantwortung. Von Shlomo Avineri.

In einem in der «New York Times» vom 17. Mai veröffentlichten Artikel erinnerte der Präsident der palästinensischen Autonomiebehörde, Mahmud Abbas, daran, dass die Uno-Generalversammlung im November 1947 empfohlen habe, das britische Mandatsgebiet in Palästina in zwei Staaten aufzuteilen. Und er fuhr fort: «Unmittelbar danach vertrieben zionistische Kräfte palästinensische Araber, um eine eindeutige jüdische Bevölkerungsmehrheit in einem zukünftigen Staat Israel zu schaffen, worauf arabische Armeen intervenierten. Der daraus entstehende Krieg und weitere Vertreibungen besiegelten diese Pläne.» Es findet sich schwer ein besseres Beispiel dafür, aus welcher Mischung von historischer Wahrheit, historischer Halbwahrheit und schlichter historischer Unwahrheit die Palästinenser sich ihre Geschichte zusammenreimen und den Konflikt mit Israel darstellen. Es ist dies ein tragischer Beweis dafür, wie tief der Graben nach wie vor ist, der überwunden werden muss, damit eine wirkliche israelisch-palästinensische Versöhnung in Gang kommen kann.

Arabische Zurückweisung
Die Uno empfahl 1947 in der Tat eine Aufteilung von Britisch-Palästina in zwei Teile – in einen jüdischen und einen arabischen Staat, dies in Anerkennung der Tatsache, dass beide Völker ein Recht auf Selbstbestimmung besitzen. Was aber Abbas nicht erwähnt, ist, dass die Juden Palästinas und mit ihnen die zionistische Bewegung die vorgesehene Teilung akzeptierten, wohingegen dies bei den palästinensischen Arabern und der Arabischen Liga nicht der Fall war. Dies zu unterschlagen, ist etwa so, wie zu sagen, dass am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg ausbrach, ohne zu erwähnen, wer dabei wen angriff.

Die arabische Zurückweisung war nicht bloss verbal: Die Araber zogen in den Krieg gegen den Uno-Teilungsplan und versuchten seine Durchführung mit Waffengewalt zu verhindern. Im Anschluss an den Uno-Beschluss vom 29. November 1947 begannen Angriffe auf jüdische Gemeinschaften in gemischten Städten wie Jaffa und Jerusalem – Läden und Häuser wurden angezündet, Zivilisten wurden attackiert und getötet, Intercity-Busse wurden ebenso
angegriffen wie isoliert gelegene Kibbuzim, und die einzige Strasse zwischen Jerusalem und Tel Aviv wurde unterbrochen. Bewaffnete Einheiten der Nachbarstaaten beteiligten sich an den Angriffen auf jüdische Gebiete.

Nach dem Ende des britischen Mandates am 15. Mai 1948 schliesslich drangen arabische Bodentruppen aus Ägypten, Jordanien, Syrien und sogar aus dem fernen Irak ins Land mit der Absicht, den neuen jüdischen Staat zu zerstören, derweil Luftstreitkräfte israelische Städte unter Beschuss nahmen. Im Verlauf der gewalttätigen Kämpfe, während deren mehr als ein Prozent der jüdischen Bevölkerung (zumeist Zivilisten) getötet wurde, verliess eine 2 grosse Zahl von Palästinensern die von Israel kontrollierten Gebiete. Manche flohen, manche wurden vertrieben. Auf beiden Seiten kam es zu abscheulichen Übergriffen – so beim Massaker durch Angehörige einer jüdischen Untergrundorganisation im arabischen Dorf Deir Yassin, wo mehr als hundert Menschen starben und beim Angriff arabischer Freischärler auf einen israelischen Sanitätskonvoi, bei dem mehr als siebzig Beschäftigte, Ärzte und Krankenschwestern des Spitals der Hebräischen Universität auf der Busfahrt zum Campus am Skopus-Berg in Jerusalem ermordet wurden.* Niemand steht am Ende eines Krieges mit sauberen Händen da.

Die Wurzel der Tragödie
Aber es hätte anders kommen können. Wenn die Palästinenser – und mit ihnen die Araber – den Teilungsplan der Uno akzeptiert hätten, wären am 16. Mai 1948 zwei Staaten entstanden: Israel and Palästina. Es hätte 1948 keinen Krieg gegeben und auch keine Nachfolgekriege. Es gäbe auch keine palästinensischen Flüchtlinge, und es gäbe weder einen palästinensischen Terrorismus noch brutale israelische Vergeltungsmassnahmen. Und die jüdischen Gemeinden in der arabischen Welt – in Ägypten, im Irak oder in Jemen – hätten fortfahren können zu gedeihen, und zwar da, wo sie seit Tausenden von Jahren beheimatet waren.

Doch es kam nicht so weit, weil die Araber die Teilung nicht akzeptierten. Hier liegt die Wurzel der palästinensischen Tragödie. Und was diese Tragödie bis heute fortsetzt, ist der Umstand, dass den Palästinensern der Wille fehlt, dieser schwierigen Tatsache ins Auge zu sehen und zu begreifen, dass es eine palästinensische Verantwortung gibt für das, was geschah. Wenn die Palästinenser das Geschehen als «Nakba» (Katastrophe) bezeichnen, dann implizieren sie, dass so etwas wie eine Naturkatastrophe stattfand. Aber so war es nicht – es war das Resultat von menschlichen Entschlüssen von historischer Tragweite, und dafür tragen sie die politische und moralische Verantwortung. Anders als die Deutschen, die Unheil über Europa brachten und nach 1945 mit der Vertreibung von zwölf Millionen «Volksdeutschen» aus deren osteuropäischer Heimat büssten, sind die Palästinenser nicht bereit, sich den Konsequenzen zu stellen, die ihre Entscheidungen der Jahre 1947/48 nach sich zogen.

Bedeutet dies nun, dass Israel keine Verantwortung trägt und nicht zu seinem Teil der Schuld zu stehen hat? Natürlich nicht: Das Leben und die Geschichte sind niemals so einfach. Israels erster Präsident, Chaim Weizmann, sagte einmal: «Der Konflikt in Palästina ist nicht ein Konflikt zwischen Recht und Unrecht, sondern zwischen zwei Rechten.» Darin liegt die wahre Tragödie im tieferen hegelianischen Wortsinn. Weil den Juden die Komplexität der menschlichen Belange bewusst war, akzeptierten sie im Jahr 1947 die vorgesehene Teilung. Ein entscheidender Faktor für die Friedensfindung im Nahen Osten wäre die Bereitschaft der Palästinenser, diese Grundeinsicht mitzutragen und eine Kultur der Selbstkritik zu entwickeln, die am Fundament einer jeden offenen Gesellschaft steht, die Toleranz, Demokratie und die Anerkennung des «Anderen» als «Anderer» zu ihren unveräusserlichen Werten zählt.

Shlomo Avineri, 1933 im schlesischen Bielitz geboren, ist Professor für Politikwissenschaft an der Hebräischen Universität zu Jerusalem. – Aus dem Englischen von Andreas Breitenstein.

NZZ, 31. Mai 2011 


					
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