Der herbe Reiz der Weissen Stadt

Die Metropole Tel Aviv verbindet Kultur mit Erholung am Strand

Eigentlich war alles ganz anders geplant. Die Destination «Heiliges Land» gebietet es beinahe, dass ein zwölftägiger Besuch zur Studienreise wird. Tel Aviv stand als Ausgangspunkt in der Mitte des Landes fest. Abstecher nach Haifa, Jerusalem, ans Tote Meer und vielleicht gar nach Bethlehem waren fest geplant, zwei Reiseführer lagen bereit, die nötigen Informationen vorab zu liefern. Dann wurde alles ein wenig anders.

Neve Tzedek heisst der Grund für den Sinneswandel. Das älteste jüdische Quartier der Mittelmeer-Metropole Tel Aviv versprüht seinen herben Charme vom Moment an, als uns das Taxi dort an einer Strassenecke ausspuckt. Einfache, ein- bis höchstens dreistöckige Häuser aus der Zeit zwischen 1890 und 1910 drängen sich aneinander. Hohe Mauern fassen kleine, grüne Innenhöfe ein. Oleander, Zitrusbäume oder Jasmin wachsen vor und hinter den Mauern allenthalben in die Höhe und beduften die unmittelbare Umgebung. Hübsche Boutiquen, Bars und Restaurants haben sich in Gebäuden eingenistet, die teilweise dem Zerfall nahe sind, teilweise frisch renoviert wurden. Das Quartier erfährt zurzeit eine Gentrifizierung, was sich in Wohnungspreisen manifestiert, die selbst für Bewohner von Zürich, Zug oder Genf jenseits von Gut und Böse liegen.

Der Taxifahrer lädt die Israel-Gäste zwar in Neve Tzedek ab, doch die Quartierstrasse Shar’abi kennt er nicht. Eine freundliche Geschäftsinhaberin hilft aus. «Welcome to Tel Aviv», ruft sie den neuen Gästen nach, nachdem sie den Weg gewiesen hat. Die Wohnung stellt sich zwar als kleiner heraus, als sie auf den Fotos wirkte. Doch hat sie einen nicht zu verachtenden Vorteil: Keine direkte Sonneneinstrahlung. Sie bleibt während der kommenden Tage ein frisches Refugium von der Juni-Sonne.

Im Quartier Neve Tzedek. (Bild: Amos Gil (cc.by.2.5))Zoom

Ein Stadtteil blüht auf

So kann man es sich gemütlich einrichten. In den ersten Tagen entdecken wir Tel Aviv, Jaffa und – vor allem – Neve Tzedek. Seine Veredelung erfährt das Quartier, seit 1989 das Suzanne Dellal Centre for Dance and Theatre aufging, das kulturell Interessierte anzog und für das zuletzt heruntergekommene Viertel einnahm. Noch heute sehen gewisse Ecken eher wie ein Armenviertel in einer Drittweltstadt aus denn wie der Lieblingswohnort der Schickeria von Tel Aviv. In den Strassen streunen Katzen, die vor und in Abfalltonnen ihr Leben fristen und vor den zahlreichen Gassi geführten Hunden des Quartiers flüchten.

Bisher hat es auch lediglich ein Boutique-Hotel bis Neve Tzedek geschafft (siehe GPS Neve Tzedek). Wer hier also Ferien verbringen will, hat bei Online-Wohnungsvermittlungen die besseren Chancen. Unsere kleine Bleibe (mit Klimaanlage, Wifi und Satelliten-TV) fand sich für nicht einmal 100 Euro pro Tag bei AirB&B. Hotels in Israel sind eher teuer, da das Land seit einigen Jahren einen touristischen Boom erlebt, von dem auch Tel Aviv profitiert. 2010 besuchten 3,4 Millionen Menschen Israel: Das ist die halbe Bevölkerung des Landes. Sie liessen 3,1 Milliarden Dollar in den Kassen zurück.

Tel Aviv-Jaffa ist mit knapp 400 000 Einwohnern die zweitgrösste Stadt Israels, doch die Agglomeration zählt gut und gern 3 Millionen Einwohner. Im Gegensatz zu Jerusalem ist Tel Aviv keine herausgeputzte Schönheit. Viele der prächtigen Bauhaus- und Art-déco-Häuser sind in verschiedenen Stufen des Zerfalls anzutreffen. Gleichzeitig wird an allen Ecken und Enden renoviert. Eine wachsende Zahl von Gebäuden der Weissen Stadt im Look der Klassischen Moderne erstrahlt daher in neuem Glanz. Wer die Quartiere zwischen Neve Tzedek und dem Rabin Square durchstreift, kommt aus dem Staunen nicht heraus: Tel Aviv ist architektonisch hochinteressant. Die Stadt entstand Anfang 20. Jahrhundert auf dem Reissbrett. Luftig, offen, grün sollte sie werden.

Von Neve Tzedek aus gingen die Spaziergänge (Tel Aviv ist gut zu Fuss erkundbar) nur einmal Richtung Süden: nach Jaffa. Die zu Tel Aviv gehörende alte Stadt ist wegen der frisch renovierten Altstadt und ihres lebhaften Zentrums mit vielen kleinen Läden einen längeren Ausflug wert. Sonst aber sind die meisten Attraktionen Tel Avivs weiter nördlich gelegen: der begrünte Rothschild Boulevard mit seiner wertvollen Architektur, das Museum of Art, die eleganten Azrieli Towers, die Märkte um die Kreuzung Allenby / King George Street. Die Cafés und Boutiquen in der Sheinkin Street, die Meerespromenade. Ganz im Norden liegt auch der «Old Port», ein Gelände am Wasser, das mit unzähligen sich ähnelnden Restaurants, Bars, Läden und Clubs auf Massenkonsum und -tourismus ausgerichtet ist. Wer Neve Tzedek kennt, kann sich dort kaum mehr wohlfühlen.

Das von Ron Arad entworfene Holon Design Museum südlich von Tel Aviv. (Bild: Yael Pincus)Zoom

Rummelplatz am Strand

Denn das alte Quartier ist auch für Genussmenschen zu einem Treffpunkt geworden. Die mediterrane Küche des Restaurants Suzana an der Shabazi Street oder die Frühstücksvariationen im Bistro 1887 an der Pines Street zum Beispiel sind legendär. Dazwischen geniesst man eine Glace bei Anita («La mamma del gelato») oder Kaffee und Kuchen bei Dallal (beide an der Shabazi Street). Schlechtem Kaffee begegnet man in Tel Aviv nirgendwo, und auch Unfreundlichkeit gehört nicht zum Repertoire der Angestellten. Beim ersten Besuch in Bars, Geschäften oder Restaurants wird man nett, wenn auch etwas distanziert behandelt, beim zweiten gehört man schon fast zur Familie. Und wer bei Suzana, wo ein vollständiges Abendessen für zwei Personen für 80 Franken zu haben ist, regelmässig einkehrt, bekommt schon mal ein Dessert kredenzt.

Ein anderes grosses Plus an Neve Tzedek ist die Nähe zum Alma Beach, wo sich die Einheimischen zum Bad treffen: Grossfamilien genauso wie Jugendliche, frisch Verliebte und alte Paare. Im Gegensatz zu den meisten anderen Stränden dürfen hier Hunde herumtollen, was sie denn auch ausgiebig tun. Vor allem an den Wochenenden (Freitag/Samstag) erscheint der Strand, von dem aus man einen schönen Blick nach Jaffa hat, wie ein Rummelplatz, auf dem gespielt, gefeiert, gegessen und gebechert wird. Die Wellen sind recht wild, das Wasser angenehm warm und die Brise erfrischend genug, um es in der Hitze länger als eine Stunde auszuhalten. Das Schwimmen ist nur innerhalb eines Gevierts aus roten Stangen erlaubt, das von den nahen Lebensrettern überschaut werden kann.

Ab und an patrouillieren diese im Wasser und pfeifen ein paar Kinder zurück, die zu weit ins Meer vorgestossen sind. Die Strömung erfasst selbst gestandene Mannsbilder schnell und droht den Badenden hinauszuziehen. Nachmittags ziehen – ein weiteres Spektakel – alle paar Minuten grosse Passagierflugzeuge tief über die Köpfe der Badenden in Richtung Flughafen Ben Gurion hinweg, während kleinere über dem Strand in Richtung Norden abdrehen, um am Inland-Flugplatz Sde Dov zu landen. (In Ben Gurion wird übrigens auch nachts gelandet: der einzige Nachteil an Neve Tzedek.) Der Leser merkt: Aus den geplanten Kultur- wurden schliesslich fast Badeferien, ein Tagesausflug nach Jerusalem und einer zum neuen Designmuseum in Holon ausgenommen. Aber versprochen: Nächstes Mal kommt die Kultur zum Zug.

 

Roberto Zimmermann, 3. Juli 2011, NZZ am Sonntag

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