Angst fällt vom Himmel

in Beerschewa

Jossi Avrahami hat keine Angst, sagt er: „Ich hab’s nicht genau nachgerechnet, aber die Wahrscheinlichkeit, dass du heute bei einem Autounfall ums Leben kommst, ist bestimmt größer als die Gefahr, von einer Rakete aus dem Gazastreifen getroffen zu werden.“ Jossi kennt sich in diesen Dingen aus. Der schlaksige junge Mann mit der zeitlosen Nickelbrille auf der Nase studiert nämlich Mathematik an der Ben-Gurion-Universität in Beerschewa. Seine Schwerpunkte sind mathematische Statistik und Stochastik. „Ich hätte nie gedacht, dass Mathematik so beruhigend sein kann“, sagt er. „Man kann das reale Risiko so klein rechnen, dass man sich fast nicht mehr fürchten muss.“ Fast. Denn als zwei Minuten später der schrille Ton der Sirene anschwillt, beginnt Jossis Hand zu zittern, mit schreckverzerrtem Gesicht rennt er los, auf den nächstgelegenen Wohnblock zu. „Komm“, ruft der Mathematiker. „Hier gibt’s einen Schutzraum. Schnell!“

Die dicke Eisentür steht offen, aus dem Treppenhaus huschen allerlei Gestalten in den Gemeinschaftsbunker. Auf den Holzbänken sitzen Männer in Schlafanzügen und unfrisierte Frauen, es ist kurz vor acht Uhr morgens. Die massiven Betonwände dämpfen den ohrenbetäubenden Lärm der Sirene etwas. In der Ecke stehen alte Möbel, ein uralter Nadeldrucker, ein Faxgerät der frühesten Generation und einige Blumenkübel. Weil auch in Israel niemand immer mit dem Schlimmsten rechnen möchte, wurden viele Schutzräume zu Rumpelkammern degradiert, und dieser ist keine Ausnahme.

Ein paar Kinder beschweren sich über die schlechte Luft. „Die Katzen pissen oben an den Lüftungsschacht“, sagt ein fülliger Mann in einem Bademantel in Leopardenmuster brummig. In Neubauten habe immerhin jede Wohnung einen eigenen Schutzraum, sagt er dann, und es klingt etwas neidisch. „Die müssten jetzt nicht nach unten in den Keller rennen.“ Doch hier, in der Jarkoni-Straße, muss man runter.

Gestern habe sie die Bedrohung noch nicht so wirklich Ernst genommen, erzählt Aviva hier unten. Sie passe nachmittags und abends immer auf die drei Enkelkinder auf, und es sei nicht so einfach, mit den Kleinen schnell genug in den Schutzraum zu gelangen. „Da sind wir also gestern Abend einfach vor dem Fernseher sitzen geblieben, als die Sirenen heulten“, erzählt sie. Dann schlug die Rakete ein, in der unmittelbaren Nachbarschaft. Ein Mann wurde getötet, vier Personen wurden schwer verletzt. „Ein paar Hundert Meter weiter, und es hätte uns erwischt“, sagt Aviva und hält sich vor Schreck die Hand vor den Mund.

Als das Radio meldet, die Rakete sei vermutlich in einem Feld eingeschlagen, leert sich der Schutzraum. „Bis nachher“, rufen einige sich noch zu.

Mehr als 100 Raketen aus dem Gazastreifen sind seit Freitag in Israel eingeschlagen. Es handelt sich längst nicht mehr um die primitiven Kassam-Raketen, die mit ihrer Reichweite von wenigen Kilometern nur ein vergleichsweise kleines Gebiet in Angst und Schrecken versetzen konnten. Mit 122-Millimeter-Grad-Raketen iranischer und chinesischer Produktion sind nun auch entfernte Städte wie Beerschewa und Aschdod ins Visier geraten. Insgesamt eine Million Israelis lebt nun in Reichweite der palästinensischen Raketen.

Begonnen hatte die jüngste Kettenreaktion der Gewalt am Donnerstag mit einer Serie von Terroranschlägen nahe der Stadt Eilat, die acht Israelis das Leben kostete. Noch am selben Abend flog Israels Luftwaffe Angriffe auf den Gazastreifen und tötete mutmaßliche Drahtzieher der Anschläge, Führer der Volkswiderstandskomitees sowie mehrere Zivilisten. Doch zugleich hat sich die außenpolitische Lage extrem verschärft: Bei der Jagd auf die Terroristen töteten Israelis am Donnerstag versehentlich ägyptische Sicherheitskräfte. Kairo drohte mit dem Abzug seines Botschafters. Israels Beziehungen zu seinem wichtigsten arabischen Gesprächspartner, dem ersten, mit dem es Frieden schloss, drohen in einen heißen Unfrieden umzuschlagen. Gegen die fortgesetzten Raketenangriffe der Hamas kann Israel darum nur mit halber Kraft zurückschlagen.

Ein normales Leben ist in Beerschewa nicht mehr möglich. Schon vor zwei Tagen waren alle Ferienaktivitäten abgesagt worden, am Sonntagmittag stellte dann auch die Ben-Gurion-Universität ihre Sommerkurse ein. Nur wenige Menschen sind auf den Straßen. Etwa 200 000 Einwohner hat Beerschewa. Für die meisten Israelis liegt die Wüstenstadt wie am anderen Ende der Welt. Doch weil das Land so klein ist, sind es in Wahrheit nur 115 Kilometer bis Tel Aviv, die sich im Zug bequem in einer Stunde zurücklegen lassen.

Vor zwei Wochen waren die Züge besonders voll. 15 000 Menschen aus dem ganzen Land hatten in Beerschewa gegen soziale Ungerechtigkeit demonstriert. Heute hat die Zeltstadt gegenüber dem Krankenhaus nur noch ein halbes Dutzend Bewohner. Als die Sirene gegen 9.00 Uhr ein zweites Mal ertönt, suchen sie Schutz an einer Mauer. „Wir geben nicht auf“, sagt Rami, während in der Ferne ein Raketeneinschlag zu hören ist. „Soziale Gerechtigkeit und Sicherheit schließen sich doch nicht aus!“ Seine Freunde denken anders. Jetzt werde wohl kein vernünftiger Mensch von einer Kürzung des Verteidigungsetats sprechen, wirft jemand ein. Oberste Priorität müsse nun die Anschaffung von weiteren Batterien des Raketenabwehrsystems „eiserne Kuppel“ haben.

Auch wenn das System keinen hermetischen Schutz bietet, hat es wohl doch Schlimmeres verhindert. Allein am Sonntag konnte die „eiserne Kuppel“ eine auf Beerschewa und drei auf Aschkelon abgefeuerte Raketen zerstören. Allerdings stehen der Armee derzeit nur zwei Batterien zur Verfügung – damit lässt sich längst nicht das gesamte bedrohte Gebiet schützen. Eigentlich brauchte auch der Norden des Landes eine Kuppel gegen die Raketen der Schiitenmiliz Hisbollah. Ein umfassender Schutz würde etwa eine Milliarde Dollar kosten.

Aus dem Transistorradio erfahren die Protestler nun, dass drei Grad-Raketen auf Beerschewa abgefeuert wurden und eine davon in die Sporthalle eines Gymnasiums eingeschlagen ist. Die Zeltprotestler haben sich neben das Radio auf den Rasen gelegt und starren in den wolkenlosen blauen Himmel, der über Beerschewa in diesen Tagen unberechenbare Gefahren birgt. Hörer rufen beim Sender an und wollen wissen, ob das Treppenhaus sicherer sei als das Wohnzimmer. „Wo finde ich die Baupläne des Hauses, auf denen ich sehen kann, wo Stützpfeiler aus Beton verbaut wurden?“, fragt eine Frau. Man gerät sehr schnell in den Bann dieser Angst: Das pfeifende Anfahrgeräusch eines Jeeps klingt plötzlich wie die Sirene und verursacht Herzklopfen. Auf jeder Kreuzung erwischt man sich dabei, nach dem nächsten Schutzraum Ausschau zu halten.

Vor der beschädigten Turnhalle drängen sich Journalisten, Polizisten und Schaulustige. In der Betondecke klafft ein großes Loch. Anwohner schwenken ein Banner: „Bomben auf Gaza“ steht da. Tatsächlich hatten Beobachter mit umfangreicheren Vergeltungsaktionen gerechnet. Am Samstagabend traf sich Israels Sicherheitskabinett, um über das weitere Vorgehen zu beraten. Gezielte Tötungen von Hamas-Führern seien denkbar, war aus Regierungskreisen zu hören. Die Armee habe eine ganze Liste mit möglichen Zielen in Gaza, und der stellvertretende Ministerpräsident Silwan Schalom wollte bei einem Besuch in Beerschewa am Sonntag auch eine Bodenoffensive nicht ausschließen. Doch erst am Sonntagnachmittag flog die Armee Angriffe auf die Abschussvorrichtungen. Möglicherweise hatte man in Jerusalem gehofft, die Hamas habe kein Interesse an einer weiteren Eskalation und werde den Beschuss stoppen. Außerdem wollte man wohl die diplomatischen Bemühungen um eine Entspannung im Verhältnis zu Ägypten nicht gefährden. Lange aber wird Ministerpräsident Benjamin Netanjahu die Rufe nach einer umfassenden Militäraktion nicht ignorieren können.

Auf der Straße in Beerschewa redet ein Mann auf eine Gruppe Polizisten ein. „Das ist eine Schule“, ruft er und zeigt auf das verwüstete Gebäude. „Sie haben die Schule meiner Kinder getroffen! Ihr müsst etwas tun!“ Es habe nur deshalb keine Toten gegeben, weil eine für den Sonntagmorgen geplante Aktion für die Kinderferien in der Halle kurzfristig abgesagt worden sei. „Und nächste Woche, wenn die Ferien vorbei sind? Was soll dann werden?“, möchte er wissen. Doch den Polizisten bleibt keine Zeit für eine Antwort. Noch während sie den Ort sichern, kreischt an diesem Sonntag zum dritten Mal die Sirene. Es ist zehn Uhr am Vormittag.

 

von Michael Borgstede, Welt Online 22.8.11

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