Bike & Hike im Negev

Bike & Hike im Negev

Quelle: Bikeboard.at

Zwei Bikeboarder fuhren in die Wüste und fanden das Glück. Auf dem Exodus Trail durch das Land der Krater. Ein Reisebericht in Überlänge.

   

Stop surfing, guys

„Stop surfing, guys“, sagt Ziv. Mahnend blickt er auf unsere Smartphones und Laptops, eine riesige Bratreine mit dampfender Lasagne in der Hand. Um seine Schulter hat er ein Handtuch geworfen. Der Selbstverständlichkeit nach, mit der es dort bleibt, begleitet es ihn wohl regelmäßig vom ersten Zwiebelschneiden bis zum Abräumen der Essensreste.
Der Hausherr der Desert Lodge war nur wenige Augenblicke in der Küche, um den Hauptgang zu holen. Ganz Workoholic, haben wir die kurze Unterbrechung des Abendessens für einen schuldbewussten Blick in unsere Mailboxen genutzt. „Schluss jetzt. Ihr müsst abschalten“, brummt der 52-Jährige in den Kragen seines einfachen T-Shirts und bereut in diesem Moment sichtlich, einen offenen W-Lan-Zugang in seinem Aufenthaltsraum eingerichtet zu haben.Auf dem langen, hölzernen Tisch reihen sich bereits unzählige Teller und Schüsseln aneinander: knackfrische Oliven, cremiges Humus, würziger Krautsalat, süße Tomaten, aromatische Falafel, duftendes Fladenbrot, scharfe Kartoffelsuppe, … Irgendwo zwischen Joghurt-Dip, Tahine-Paste und Ziegen-Frischkäse findet aber auch die Lasagne noch Platz.
„Bete`avon“ nickt Ziv in die Runde, nachdem er seine etwas steifen Knochen mit leisem Ächzen auf die niedrige Sitzbank gefaltet hat. „Le’chájim!“ antworten Samuel und Baruch fast synchron, und heben ihre Gläser. Tiefrot leuchtet der hier im Haus gereifte Wein im Schein der rustikalen Deckenlampen. „Auf eine gute Zeit!“
 
     
 
Das ist Israel. Richtiger: Das also ist der Negev. Denn der Brennpunkt des Nahost-Konflikts und sein immer schon unumstrittenster Teil, die Wüstenregion im Süden des Landes, haben relativ wenig miteinander gemein. Offiziell sind sie eins, tatsächlich handelt es sich um zwei verschiedene Welten. Oder, wie unser Guide Ziv Sherzer es im offensichtlich geübten Umgang mit potenziell besorgten Touristen ausdrückte, während wir von der pulsierenden Metropole Tel Aviv ins verschlafene Mitzpe Ramon fuhren: „If there are missiles in Gaza, we don’t feel it.“

Kurz vor dem Zentrum des Bergarbeiter-Städtchens wies uns ein Holzschild mit der Aufschrift „Desert Lodge. Eco Vacation“ den Weg. Straßenseitig unterscheidet sich Ziv Spectors Anwesen kaum von den Häusern und Hütten der „unrecognized cities“ (illegal errichtete Siedlungen sesshaft gewordener Nomaden) um die Hauptstadt des Negev, Be‘er Sheva: geduckte Dächer, ein rostiges Gatter und Hauswände, die mit ihrem improvisiert wirkenden Materialmix nicht den Eindruck machen, als seien sie für die Ewigkeit gebaut. Aber wer sich die Unverfälschtheit der Wüstennomaden auf seine Fahnen heftet, hat genau das auch nicht im Sinn.
Hofseitig tun sich den Besuchern der Desert Lodge dafür Himmel und Erde gleichzeitig auf. Eine große, mit Steinen gepflasterte Terrasse zieht sich über die gesamte Grundstücksbreite. Unmittelbar davor bricht der Boden ab und gibt den Blick frei in einen Kessel gigantischen Ausmaßes. Tief unten windet sich eine Straße durch Stein und Geröll. Allenthalben verstellen ihr kleine Hügel oder ausgewachsene Berge den Weg. Links und rechts stürzen Felswände zu Boden, die zerfurchter und schroffer nicht sein könnten. Es ist, als ob wir von einer Oase der Ruhe und Stille aus direkt in die Eingeweide unseres Planeten schauen würden. Nach hinten verlieren sich die unzähligen Rot-, Gelb- und Braunschattierungen der Wüste in einem einheitlichen Grau-Blau: das südöstliche Gegenstück zu der Wand, an der wir selbst gerade stehen, und dahinter Jordaniens Berge.
Unsere Unterkunft liegt direkt an der steilen Nordwestkante des Machtesch Ramon (Krater von Ramon). Das ca. 40 km lange und 12 km breite Becken ist der größte von drei Kratern im Negev. Der Leiter der 1989 gegründeten Desert Shade Group nützte unsere Sprachlosigkeit für einen Ratschlag. „Start looking, smelling, feeling, guys“, sagte Ziv.

 

    

Über die Entstehung des Machtesch Ramon gibt es unterschiedliche Theorien. Manche glauben an Erdsenkungen über gewaltigen Hohlräumen vor 70 Millionen Jahren. Andere, wie unser Guide Ziv Sherzer, studierter Hydrogeologe, macht das Zusammenspiel von tektonischen Plattenbewegungen und damit einhergehenden Gebirgsauffaltungen, Erosion durch Wind und Wetter sowie hier früher fließenden Gewässern verantwortlich. Sicher ist: Der Krater ist nicht vulkanischen Ursprungs, beinhaltet aber auch Formationen, die dies nahelegen könnten: spitze Kegel, schwarze Basaltsäulen, kreisrunde Einbuchtungen.
Ein bisschen fassungslos und ganz schön überwältigt stolpern wir an diesem ersten Nachmittag entlang des Israel Trails und weiterer markierter Wanderwege durch die faszinierende Steinwüste.
Der Machtesch Ramon ist ein Naturreservat. Dementsprechend dürfen hier die Jeep-Straßen und Pfade nicht verlassen werden, ist wildes Campieren nicht gestattet, hat man das Gebiet vor Einbruch der Dunkelheit zu verlassen. Für Interessierte wurde in Sichtweite der Desert Lodge ein Besucherzentrum eingerichtet, das einen Überblick über Flora, Fauna und Geologie des Kraters vermittelt. Wir haben mit Guide Ziv unsere allwissende Informationsquelle praktischerweise stets dabei.Gegen Ende unserer ersten Wanderung erreichen wir Chan Saharonim, die Überreste einer Jahrtausende alten Karawanserei. Sie liegt an der einzigen Quelle des Machtesch Ramon. Von Wasser ist nun, am Ende der Trockenzeit, nichts zu sehen. Aber ein paar Grasbüschel, Schilfhalme und Sträucher gruppieren sich um eine Senke im Boden. Daneben markiert ein rund 40 x 40 m großes Steingeviert die Überbleibsel eines von Menschenhand errichteten Gebäudes. Alle 30, 35 Kilometer, also dem ungefähren Tagesmarsch einer Kamelkarawane entsprechend, flankierten zur Zeit der Nabatäer solche befestigten und bewachten Raststationen die hier entlang führende Spice Route, erzählt Ziv. Sie boten den Reisenden, die auf diesem wichtigen Handelsweg Gewürze und Waren vom Persischen Golf nach Gaza brachten, Schutz vor Überfällen.

Schon nach unserem ersten Tag in der Wüste Negev schwirrt uns der Kopf vor Eindrücken, Informationen, Geschichten aus längst vergangenen und hier doch auf Schritt und Tritt präsenten Tagen. Dabei fängt das Abenteuer mit Tag zwei erst so richtig an.
Für den Initiator unserer Reise, Baruch Roth, insofern, als ihm die erste Mountainbike-Tour seines Lebens bevorsteht. „Ich kann doch nicht verkaufen, was ich nicht kenne“, erklärt der zum Studium nach Deutschland ausgewanderte und dort hängengebliebene Israeli, warum er sich mit 64 Jahren noch einer solchen Herausforderung stellt. Im normalen Leben ist der gelernte Architekt vor allem Organisator von Kulturreisen. Begeisterter Alltagsradler, steht er nach einem Jahr der Verhandlungen und Abstimmungen nun vor der Realisierung eines lang gehegten Traums: Bike & Hike-Aktivurlaub in der Wüste Negev anzubieten.

Unter dem Namen „Exodus Trail“ hat die Desert Shade Group derlei Kombi-Touren schon länger im Programm. Wir befinden uns mit Baruchs Kooperationspartnern also in den Händen echter Profis. In Anspielung an Moses Auszug aus Ägypten und der anschließenden 40-jährigen Wanderung des Volkes Israel durch die Wüste möchten Ziv & Co. dort entlang führen, „wo alles begann“. Wer dahinter eine als Reiseangebot getarnte Gehirnwäsche religiöser Fanatiker vermutet, irrt gewaltig. Unsere Begleiter sind säkulare bzw. traditionelle Juden, muslimische Beduinen, politische Freigeister. Ihnen geht es darum, ihre Faszination für den Negev zu teilen, Verständnis für die Kreativität und Leistungen seiner früheren und jetzigen Bewohner zu wecken und etwas von der Kraft und Ruhe zu vermitteln, die dieser Steinwüste innewohnt.

 

    

Keep riding, guys

„Keep riding, guys“, sagt Ziv. Gerade hat er unsere für die Nacht im Beduinenzelt gepackten Koffer übernommen, die er uns nachbringen wird. Sie sind prall gefüllt und schwer.
Die Tour beginnt vor der Bibliothek der Negev-Hochschule Midreshet Sde Boker. Dort hat Staatsgründer David Ben Gurion seine letzte Ruhestätte gefunden. Jener Mann, der am 14. Mai 1948 den unabhängigen Staat Israel proklamierte und sich nur einen Tag später im Krieg mit sämtlichen arabischen Nachbarländern sah, ist das berühmteste Mitglied des nahegelegenen Kibbuz Sde Boker. Zeitlebens pflegte der erste Ministerpräsident den Kontakt zu seiner Heimatregion. Sein kleines Wohnhaus kann mit originaler Einrichtung besichtigt werden. Noch mehr aber lohnt der Blick von der Terrasse seines Grabes über die Canyon-artigen Schluchten des Wadi Zin.
Über eine schmale, kurvige Straße fahren wir hinab in das mächtige Tal und weiter auf Jeep-Tracks, bis ein Fahrverbotsschild uns den Wechsel auf zwei Beine gebietet. Immer näher rücken die zuvor weit auseinander liegenden Felswände, bis sie allmählich eine Schlucht bilden. Gleichzeitig wird die Vegetation üppiger, und plötzlich stehen wir vor einer beinahe kreisrunden, mit Wasser gefüllten Wanne aus Stein – die Quelle Ein Akev. Meterhoch ragen rundherum Kalktürme in die Luft. Von ihnen in den Teich zu springen ist (zumindest im Sommer) ungefähr so verlockend wie verboten – und wahrscheinlich gerade deshalb ein beliebtes Freizeitvergnügen der Israelis am arbeitsfreien Shabbath.Mittlerweile hat die Sonne an Kraft gewonnen und wir wandern in dünnen Langarm-Shirts weiter durch eine immer bizarrer geformte Felslandschaft. Gerade als uns die Vokabel ausgehen, um die Mischung aus tiefblauem Himmel, kreidebleichen Kalkfelsen und grünen Sumpfpflanzen in immer neuen Worten zu bewundern, zweigt unser Weg nach Westen ab, hantelt sich geradewegs die Felswände empor und entlässt uns in die endlosen Weiten des kargen Hügellandes um Avdat. Spektakuläre Gesteinsformationen sucht man hier vergeblich. Aber auch die vermeintliche Ödnis dieses Hochlandes entwickelt bei längerer Betrachtung ihren Reiz. Farbnuancen, Miniatur-Windhosen, Licht-Schatten-Wechsel …
Die im 3. Jh. v. Chr. erbaute Ruinenstadt der Nabatäer bekommen wir, von ihrem respekteinflößenden Profil am Rande eines zerklüfteten Bergplateaus abgesehen, nicht zu Gesicht. Dafür erwartet uns am Fuß der 2005 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärten Siedlung eine andere Überraschung: Samuel steht nicht nur mit dem Anhänger bereit, um uns wieder auf Räder zu setzen. Er hat außerdem ein ausgewachsenes Picknick vorbereitet.
Aus seinem zum wüstentauglichen Mobile Home umgebauten Defender hat der Allrad-Spezialist alles gezaubert, was eines hungrigen Nomaden Herz begehrt – und noch ein bisschen mehr. Denn zu den bereits vom Vorabend bekannten Köstlichkeiten gesellen sich Nüsschen, Kekse, Kuchen und sogar Kaffee, zubereitet auf türkische Art. Unser zufriedenes Schmatzen bereitet dem erfahrenen 4×4-Expeditionsleiter sichtliche Freude: Ein beruhigter Ausdruck legt sich über sein Gesicht. Spätestens jetzt können wir uns sicher sein: Mit diesem Mann als Backup-Guide würden wir selbst am Ende der Welt noch pünktlich am vereinbarten Treffpunkt abgeholt und wären jederzeit sain et sauf.
     
 
 
Die seit unserer Ankunft über Tel Aviv wütende Regenfront ist bedrohlich nahe herangerückt, also drückt Ziv, kaum aufgesessen, ordentlich aufs Tempo. „Think like a camel, ride like a nomad“, hat sich der Weltenbummler zum Motto gemacht. Und tatsächlich findet der weitgereiste Israeli deutsch-marokkanischer Herkunft mit traumwandlerischer Sicherheit seinen Weg, wo unsereins nur loses Geröll und spitze Steine sieht.
Eigentlich befinden wir uns hier auf markierten MTB-Wegen, für die es sogar eine eigene Karte und Schilder gibt. Ziv selbst hat viele der Wegweiser in die harte Erde gerammt. Allerdings machen sich Beduinenkinder einen Sport daraus, die Holzschilder zu verbrennen, weshalb nicht Ortskundigen die Orientierung mehr als schwer fallen dürfte. Aber nicht nur deshalb ist unser Guide einmal mehr Goldes wert. Der dunklen Wolkenwand zum Trotz garniert er auch diese Fahrt mit mehreren Zwischenstopps. Unter anderem führt er uns in das Innere einer gigantischen, tausende Jahre alten Zisterne und erklärt uns das dahinterliegende System der Wasserreinigung und -speicherung, zeigt uns Felsmalereien, die bis in die Jungsteinzeit zurückdatieren und erzählt Geschichten von möglichen Wirkungsstätten Moses, die einzig den Haken haben, dass moderne Methoden der Altersbestimmung ein Missing Link von 1.000 Jahren festgestellt haben.
Als krönender Abschluss folgt der „Widow Trail“. Von der Desert Shade Group gebaut, mäandert er lenkerbreit in sanften Kurven die Hügel hinab. Ausnahmsweise liegen kaum Steine im Weg, auf überraschend griffigem Sand rollen wir sanft dem Talboden entgegen, im Rücken einzelne Sonnenstrahlen, die kurz vor der Dämmerung doch noch durch die Wolken gebrochen sind.
 
 
     
 
 
    
 
 
 

 

Keep listening, guys

„Keep listening, guys“, sagt Ziv. Soeben hat er uns vom Endpunkt unserer Tour zu einem nahegelegenen Ableger der israelischen Espressobar-Kette Aroma geshuttelt. Auf dem Weg dorthin musste er als Prellbock für all das Gesehene und Gehörte herhalten. Wir wärmen uns auf, befreien grob die Hände und das Gesicht von Staub und Schweiß, trinken einen Schluck heißen Kaffees und fragen, dem ob der Dunkelheit zum Aufbruch drängenden Ziv zum Trotz, kurz unsere E-Mails ab. Immerhin ist für die nächsten 20 Stunden kein Handy-Empfang zu erwarten. Dann geht’s mit Sack und Pack, Rädern und Jeep in die Beduinen-Siedlung Aricha.
Ärmlich und ein wenig trostlos muten deren in einer Senke gruppierten Behausungen an. Wellblech, Holzpfosten, Plastikflaschen – als Baumaterial scheint alles gedient zu haben, was gerade herumgelegen war. Eine große Schar Ziegen und vier Kamele hinter robusten Zäunen beobachten misstrauisch unsere Ankunft, schüchtern lugen auch neugierige Kindernasen ums Eck. Wir werden in ein aus Plastikplanen, Ziegenhäuten und Teppichen erbautes Zelt gebeten. Bis auf eine bereits aktive Feuerstelle, ein kleines Tischchen mit Blechkanne und Gläsern sowie unzählige bunte Matten ist der riesige Raum leer. Unsere Koffer und Trolleys wirken deplatziert. „Welcome to my mother’s house“, begrüßt uns ein hochgewachsener Mann mit weißem Turban, labbrigem Kapuzenpulli und abgenützten Turnschuhen.
Bis auf seine recht westlich anmutenden Kleidung geht Salman als Prototyp eines Beduinen durch – oder dessen, was sich ein Österreicher eben unter einem mit seinen Tieren umherziehenden Araber vorstellt: dunkle, quicklebendige Augen, nicht allzu viele Worte, aber jede Menge Lebensweisheit in jeder Geste, jedem Blick. Mit ruhiger Stimme führt uns der Halbnomade in die Geschichte seiner Familie, seine Lebensweise und seine Gebräuche ein. Er erzählt vom Gebot der Gastfreundschaft, die selbst Angehörigen verfeindeter Stämme gebührt, von den Problemen mit den Nationalpark-Rangern, die ihm mit ihren Durchgriffsrechten den Zutritt zu seit Generationen benütztem Weideland verwehren, von der Nutzung der ausschließlich Heilkräuter fressenden Kamele als Lastentiere und Apotheke (Beduinenkinder etwa werden mit zwölf Monaten von Mutter- auf Kamelmilch umgestellt) und vom guten Auskommen, das ihm seine Ziegen mit ihrer Milch, ihrer Haut, ihrem Fleisch und ihrem Fell gewähren.
 
 
 Früher einmal verdiente Salman gutes Geld mit der Organisation von Incentives für Superreiche mitten im Negev. Heute beschränkt er sich auf gelegentliche Gruppenabende wie diesen für seinen Freund Ziv. „Wieviel Geld kannst du schon ausgeben?“ fragt der Beduine und greift sich mit einer Geste des Unverständnisses an den Kopf. „Drei warme Mahlzeiten täglich und das, was die Kinder für die Schule brauchen.“

Lange noch sitzen wir an diesem Abend um das Lagerfeuer, gesättigt von köstlichem Huhn mit Gemüse und Reis, gepusht von süßem Schwarztee mit Koffein. Die Israelis diskutieren über Gott und die Welt, die Freilassung des Soldaten Gilad Schalit, die (Un-)Wahrscheinlichkeit eines Angriffs auf den Iran, die Schwierigkeit ihres aus aller Herren Länder zusammengewürfelten Volkes, einen Nationalbegriff zu definieren. Die Tatsache, dass im Negev von den täglichen Scharmützeln des Nahost-Konflikts wenig zu bemerken ist (mit einer Ausnahme: Gerne nützen, wie wir am letzten Tag bemerken werden, die F16-Bomber der israelischen Armee das menschenleere Gebiet zum Trainieren. Und manchmal kommt ihnen dabei auch ein Überschall-Knall aus, der die Lampen von Zivs Decke holt), bedeutet nicht, dass seine Bewohner sich in Realitätsverweigerung ergehen.
Der labile Status quo ist selbstverständlicher Bestandteil ihres Lebens, alleine schon deshalb, weil jeder Staatsbürger drei Jahre Militärdienst (Frauen: zwei) zu absolvieren hat. Auch der steigende Einfluss der Ultra-Ortodoxen, der Siedlungsbau in den besetzten Gebieten, der Umgang mit den beschränkten Trinkwasser-Ressourcen oder die verheerenden Auswirkungen der zweiten Intifada auf den gerade erst angelaufenen Tourismus liefern Stoff für Diskussionen. Gelernten Österreichern wie Erwin und mir offenbaren derlei unmittelbare Landeskunde-Einheiten eklatante Wissenslücken und machen uns deutlich, dass die hierzulande übliche Skepsis und Besorgnis bei Ausgabe des Urlaubszieles Israel vor allem auf Ahnungslosigkeit basiert.

 

   

Keep walking, guys

„Keep walking, guys“, sagt Ziv. Die Nacht im Zelt war überraschenderweise nicht kälter als jene in den ungeheizten Hütten seiner Lodge. Nach einem reichhaltigen Frühstück, einer erfrischenden Katzenwäsche unter der Wasserleitung und einem „shit in the bush“ (den es in der kargen Senke überhaupt einmal zu finden gilt) entlässt uns der Drahtzieher des Wüstentrips erneut in die Obhut von Salman, Samuel und Ziv.
Zu Fuß führt uns der Beduine tiefer in das Land seiner Vorfahren. Negev kommt vom hebräischen Nagev und bedeutet >getrocknet<. Bereits am Vortag hatte uns Ziv immer wieder auf niedrige Steinmauern, halbverfallene Terrassen und eben die Zisternen bei Avedat als beeindruckendstes Relikt ihres ausgeklügelten Bewässerungssystems aufmerksam gemacht. Nun zeigt uns Salman, dass im Prinzip jeder Hügel, jede Furche mit Resten davon übersät ist. Mittels Aquädukten, Sammelbecken, kleiner Staumauern oder kilometerlanger Begrenzungswälle leiteten diese „very wise people“ die wenigen Niederschläge auf ihre Felder.
Staunend beobachten wir anschließend, dass Salman selbst nicht weniger versiert im Umgang mit dem Nichts scheint. Aus etwas Wasser und Mehl knetet der Beduine einen Teig, entfacht ein Feuer aus dem umliegenden Gestrüpp und bäckt in dessen heißer Asche den Teig zu delikatem Fladenbrot, während daneben Tee aus nebenbei gesammelten Kräutern aufkocht.
 
 
     
Dermaßen gestärkt, sind wir gerüstet für die nächste Radtour. Durch die mächtigen Trockentäler des Nachal Aricha und Nachal Chawa führt unsere Route zurück zum Machtesch Ramon, und dann direkt am Kraterrand entlang nach Hause.
Mit den Mountainbikes bewegen wir uns mehrheitlich auf alten Kamelpfaden. Das hat den Vorteil, dass sich die Steigungen in Grenzen halten, weil die Wüstenschiffe nur geringe Höhenunterschiede pro Tritt absolvierten. Technisch einfacher werden die Trails dadurch aber nur bedingt. Es ist ein ständiges Manövrieren vorbei an Felsbrocken, Balancieren über schmale Grate, Hoppeln über kleine Stufen und Rutschen über loses Gestein.
Allerdings wählt Ziv diese Routen nur, weil er weiß, dass wir die Herausforderung suchen. Es ginge jederzeit auch einfacher, kürzer, relaxter, versichert unser Guide. Vorrangig meint er damit den Verbleib auf Jeep-Trails. Dort sind hängende Kurven, gelegentliche Sandgruben und tiefe Schlaglöcher das Salz in der Suppe, und manchmal klettern wir auf diesen autobreiten Pisten auch kerzengerade einen Hügel empor. Dann dauert es in dem Land, wo Milch und Honig fließen, nur kurz, bis auch der Schweiß in kleinen Bächen rinnt. Tatsächlich hat auf diesen leichteren Varianten aber selbst ein (allerdings extrem begabter) Anfänger wie Baruch seinen Spaß.
 
     
 
Eine Frage, die Ziv aufgrund der vielen Möglichkeiten, abzukürzen oder zu verlängern, nie beantworten kann oder will, ist jene nach der Dauer einer Tour. „Es dauert, so lange es dauert“, erwidert er dann ausweichend. Menschen, die ihre Tage gerne exakt planen und sich in Sicherheit wiegen, wenn sie konkretes Zahlwerk im Hinterkopf haben, irritiert er damit anfangs gewaltig. Mit der Zeit jedoch lernen wir, dem 37-Jährigen zu vertrauen. Es dauert, so lange es dauert. So lange es Spaß macht, so lange das Wasser reicht, so lange wir Kraft haben. Wie er und Samuel es allerdings schaffen, sich trotz dieser Unbestimmtheit jedesmal auf die Minute genau zu verabreden, bleibt uns ein Rätsel.
Ausgepowert, aber glücklich, erreichen wir nach vier Stunden knackiger Fahrt wieder die Desert Lodge. Deren einfache Gemeinschaftsduschen erscheinen nach zwei Tagen ohne Sanitäranlagen wie ein Wellness-Tempel im Paradies. Dass der Tacho nur lasche 40 Kilometer und 500 Höhenmeter ausspuckt, tragen wir mit Fassung. Herz und Hirn haben dafür mit einem umso größeren Datenwulst zu tun.
 
 
Einen weiteren Tag verbringen wir am und im Krater Ramon, wandern und biken entlang der Spice Route, bewegen uns auf den Spuren von Nomaden, Kamelen und Co. und verlieren uns im sanften bis dramatischen Auf und Ab des Landes, wo alles begann. Bevor wir hierher kamen, hatten wir keine Ahnung, was uns erwarten würde. `Biken in Israel, geht das überhaupt?´ wurden wir gefragt, und wussten die Antwort selbst nicht so genau. Jetzt ahnen, nein, wissen wir, dass wir wiederkommen werden. In diese Wüste mit ihren offenen und verborgenen Reichtümern, ihrer Weite, Stille und Farbenpracht. Und zu diesen Menschen, die uns so völlig eingenommen haben, mit ihrer Offenheit, ihrem Wissen, ihrer Wärme und Gelassenheit.Letzter Abend. Wir sitzen erneut im Aufenthaltsraum der Desert Lodge zusammen. Ziv kommt aus der Küche, das obligate Handtuch um die Schulter, eine riesige Stielpfanne in der Hand. Darin süßlicher Reis und gegrillte Barramundis. Wie ziemlich alles, was der exzellente Koch serviert, stammt auch der an sich australische Fisch aus dem Negev, wird gezüchtet in Salzwasserbecken etwas nördlich der Stadt Abrahams, Be‘er Sheva.
Ziv blickt sich um. Einige plaudern, schauen durch die Fotos der vergangenen Tage, alle anderen Computer sind aus. Die Handys liegen irgendwo. „Bete`avon“, sagt unser Gastgeber. Ein zufriedenes Lächeln umspielt seinen Mund.
 
    
 
 

Bonus Track: Jerusalem

    

Als Kontrastprogramm und Überbrückung für einen verschobenen Flug organisierten Baruch und Ziv uns kurzfristig einen Tag in Jerusalem. Ist ein Aufenthalt in der Heiligen Stadt an sich schon faszinierend, gerät sie vollends zur lange nachwirkenden Horizonterweiterung, wenn sich ein historisch und religionswissenschaftlich bewanderter Mensch wie Samuel Dimant spontan als Reiseführer zur Verfügung stellt.Die Eindrücke aus diesem Schmelztiegel der Religionen, Völker und Weltsichten werden hier aus Platzgründen nur mit einem Best-of von Erwins Bildern erzählt. Von Seiten der Redakteuse nur so viel: Jerusalem ist betörend und verstörend zugleich. Mit seinem undurchschaubaren Labyrinth aus Bazaren, Kirchen, Imbissbuden, Katakomben, seinem Gemisch an fremdartigen Geräuschen und Gerüchen, seinem Aufeinanderprallen von schwarz gekleideten ultraorthodoxen Juden, Geschäfte machenden Arabern, bis an die Zähne bewaffneten Soldaten, seinen buchstäblich übereinander gestapelten Zeugnissen von Kunst, Kultur und Religion ist diese Stadt das beste Beispiel für die Erklärung des Wortes „Kontrast“.
 
     
 
 

Wüste Negev, Israel: Alle Infos

Lage: Israel liegt am östlichen Ende des Mittelmeeres und ist verhältnismäßig klein: Die größte Länge beträgt 420 km, die Breite 14 bis 116 km. Amtssprachen sind Hebräisch, Arabisch und Englisch. Die angrenzenden Staaten sind der Libanon im Norden, Ägypten im Süden, Jordanien und Syrien im Osten. Die Gegend ist auf Grund des Konfliktes zwischen Palästinensern und Israelis immer wieder in den Schlagzeilen. Doch ungeachtet der politisch labilen Situation ist Israel ein wunderschönes Land, das auf extrem engem Raum die unterschiedlichsten Landschaften vereint. Eine davon ist die im Süden gelegene Felswüste Negev, die 60 % der Staatsfläche einnimmt.

Klima: Israel liegt im Übergangsbereich vom Mittelmeer- zum Wüstenklima. Im bis zu 1.000 m hoch gelegenen Negev schwanken die Tages- und Nachttemperatur stärker als die Sommer- und Wintertemperatur. Hier regnet es nur wenige Tage im Jahr (November bis März), im Juli und August wird es zum Radfahren zu heiß. Während unseres Aufenthaltes sanken die Temperaturen nachts auf knapp über Null, unter tags erreichten sie 14 bis 22 Grad. Die beste Reisezeit ist September bis Mai, speziell Radfahrern empfiehlt sich Israels Süden also als klimatisch stabile Winter-Destination. Im März finden fünf UCI-kategorisierte XC-Rennen statt.

Anreise: Wer nach Israel fliegt, muss beim Check-in mit langwierigen Sicherheitskontrollen rechnen, besonders bei der größten israelischen Fluggesellschaft El-Al (aus eben diesem Grund wählen Einheimische aber bevorzugt diese Linie). Sich wie angegeben drei Stunden vor Abflug am Flughafen Ben Gurion, zwischen Tel Aviv und Jerusalem gelegen, einzufinden, ist deshalb ratsam; beim Hinflug reichen 2 h. Uns haben neben dem großzügigen Platzangebot, dem leckeren Menü und dem durchwegs freundlichen Personal vor allem auch die Konditionen bei El Al überzeugt: Mit gut 300 Euro ist man ab Wien dabei, für Räder wird keine Extra-Gebühr berechnet, sie anzumelden genügt. Von München fliegt die Airline täglich außer Dienstag und Samstag, ab Wien täglich außer Freitag und Samstag, Flugzeit 3,5 h. Berlin, Frankfurt und Zürich sind weitere El-Al-Posten im deutschsprachigen Raum. www.elal.de

 

Ausrüstung: Wer nicht das eigene Bike mitnehmen will, kann eines mieten. Sowohl bei der Desert Shade Group als auch imShop Geofun erhält man einfache Alu-Hardtails mit V-Brakes und Flatpedals. Für den Einsatz in der Wüste reicht dieses Setup völlig, wer Glück und Zivs Größe hat, kommt aber vielleicht auch in den Genuss eines Upgrades aus dessen Privatbestand. Klickpedale müssen, wenn gewünscht, mitgebracht werden, aufgrund der mehrfachen Wechsel von Bike auf Hike sind allroundtaugliche Outdoor-Schuhe aber die bessere Variante. Haube und warme Kleidung sind spätestens nachts Pflicht, für die sportlichen Betätigungen ist von kurz/kurz bis lang/lang alles ratsam. Ein verlässlicher Windschutz sollte ebenfalls mit, Schlafsäcke können bei Bedarf auch ausgeliehen werden.

Kontakt: Bike & Hike in der Wüste Negev ist ein Kooperationsprojekt. Der Aktivurlaub ist samt Flug und fundierter Beratung buchbar über Baruch Roths Reiseagentur Flugcontact in Berlin und wird vor Ort betreut und organisiert von der Desert Sahde Group. Letztere wiederum setzt sich zusammen aus Ziv Spector und dessen Lodge,Samuel Dimant und dessen Allrad plus Rad-Anhänger, Ziv Sherzer (oder einem anderen Guide) und dessen Wissen über Land, Leute, Gepflogenheiten und Trails.
Eine ähnliche Unternehmung auf eigene Faust anzugehen, empfiehlt sich übrigens nicht. Einerseits könnten Wasser- und Verpflegungsmangel zu einem bösen Erwachen führen. Andererseits existieren militärische Sperrgebiete, deren Zugangsregelungen man kennen muss. Davon abgesehen, dass das Geleit versierter Wüstenfüchse, wie es die Desert Shade Group-Mitglieder sind, Türen und Tore öffnet, die anderen Touristen verschlossen bleiben.

Buchung: Reiseagentur Flugcontact, Berlin, Baruch Roth
Tel. +49-30-24342420, roth@flugcontact.netwww.flugcontact.net
Betreuung vor Ort, Guiding: Desert Shade Group, Mitzpe Ramon – Tzell Midbar, Ziv Spector
Tel. +972-8-6586229, team@desert-nomads.comwww.desert-nomads.com

Package: Zusätzlich zum Bike&Hike-Programm können individuelle Verlängerungstage z.B. in Tel Aviv oder Jerusalem gebucht werden, auch kürzere Varianten oder die Kombination mit weiteren Aktivitäten (z.B. Israel Trail,Jesus Trail) ist möglich. Das achttägige Exodus Trail-Programm startet einmal monatlich ab einer Mindest-Teilnehmerzahl von zwei Personen (max. 12, ab 6 Pers. auch Individual-Arrangements möglich; Fix-Termine: 9.1./6.2./12.3./15.4./6.5./2.9./14.10./4.11./2.12./23.12. 2012). Im Preis von 1.440 – 1.650 Euro (abhg. v. Pers.Anzahl) sind Verpflegung, Nächtigung, Guiding, 4×4 Begleitauto, Mieträder, Kurzbesichtigung der Jerusalemer Altstadt und Transfers (von/zu Flughafen bzw. Hotel, nach Jerusalem mit Zwischenstopp am Toten Meer) inkludiert. Weitere Touren wie ein Weekend-Regular (Mi-So) sind in Ausarbeitung.

 
   
Homebase: Die Desert Lodge ist abgesehen vom riesigen Aufenthaltsraum mit W-Lan einfach gehalten: schlichte Gemeinschaftsduschen, wahlweise Nächtigung im Beduinenzelt oder 2-Personen-Hütten mit auf einem gemauerten Podest drapierten Matratzen, einem Berg Decken, keinem Mobiliar, keinen Steckdosen. Aktuell ist Ziv am Überlegen, ob er seiner Unterkunft nicht doch einen Hauch von Luxus angedeihen lassen soll. Noch aber setzt er auf andere Reichtümer: herzlichste Gastfreundschaft, fantastische Küche, atemberaubende Kulisse am Rande des Kraters Ramon.
Perfekte Anlaufstation in Jerusalem ist das mitten im Zentrum gelegene Abraham Hostels. Die günstige (Jugend-)Herberge ist Teil eines über ganz Israel verstreuten Verbundes (www.hostels-israel.com), verfügt über saubere, klimatisierte Zimmer, einen riesigen Gemeinschaftsraum inkl. Bar und Küche und ein angeschlossenes Reisebüro mit interessanten Halb-, Ganz- und Mehrtagestouren in die nähere und fernere Umgebung. Räder oder auch Radkoffer können in einem versperrbaren Raum aufbewahrt werden, zur raschen Orientierung gibt’s fantastische Services wie einen allwissenden Stadtplan.

Weitere Infos: Die Homepage des staatlichen israelischen Verkehrsbüros in Berlin bietet alles, was des Reisenden Herz begehrt: www.goisrael.de

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One Response to Bike & Hike im Negev

  1. Vielen Dank für den tollen Reisebericht! Ich bin selbst ambitionierter Hobbyradsportler, aber so eine Reise habe ich noch nie gemacht. Auf jeden Fall noch mehr Abenteuer, als im Harz…

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