Peres: Der Nahe Osten ist krank – Schlüssel ist Freiheit

Artikel des israelischen Präsidenten Shimon Peres, 18.6.12.

Der Nahe Osten ist krank. Die Krankheit entspringt der überall vorhandenen Gewalt, Engpässe bei Nahrung, Wasser und Bildungsmöglichkeiten, Diskriminierung gegen Frauen und – der wichtigste aller Gründe – der Abwesenheit von Freiheit.

Es kann keinen Frieden geben ohne Freiheit. Ökonomisches Wachstum ist unmöglich ohne Integration in die globale freie Wirtschaft. Tragischerweise entzieht sich uns im Nahen Osten diese simple Logik.

Die junge Generation, die den Grossteil der Bevölkerung in der Region ausmacht, besteht auf gleiche Rechte, Zugang zu Bildung und den von Wissenschaft und Technologie geschaffenen Jobs. Diese, nicht Armeen oder Land, sind die neuen Quellen nationaler Stärke. Und keine ist erreichbar ohne Freiheit.

Die Sehnsucht nach Freiheit liegt im Kern der Menschheitsgeschichte. Der definierende Moment für mein eigenes Volk geschah vor 3000 Jahren bei unserem Exodus aus der Sklaverei und der Reise in die Freiheit in unserer Heimat. Ähnlich suchten die an Bord der Mayflower segelnden Pilger Freiheit in ihrem neuen verheissenen Land. Dieses gemeinsame Streben bildet den Eckpfeiler der tiefen Freundschaft zwischen Israel und Amerika.

Aber diese Sehnsucht nach Freiheit ist noch weit entfernt von der Erfüllung. Sie harrt in manchen Teilen der Welt beständig aus, nirgendwo mutiger als im Nahen Osten. Mein Herz wendet sich den mutigen Bürgern Syriens zu, die jeden Tag ihr Leben riskieren und sogar opfern um Freiheit von einem mörderischen Regime zu erlangen. Wir in Israel heissen den historischen Kampf zur Bildung demokratischer, friedliebender Regierungen in unserer Region willkommen.

Trotzdem kann kein Kampf für Freiheit im Nahen Osten erfolgreich sein, ohne auch die Armut zu lindern, die den Willen der Menschen abfliessen lässt. Um das zu erlangen, sind fundamentale Veränderungen in der Gesellschaft notwendig; der Bildung und der Beendung von Diskriminierung gegen Frauen müssen Priorität eingeräumt werden. Es gibt keine Freiheit, die der Hälfte der Bevölkerung verwehrt wird.

In Israel, einem Land, dem es an natürlichen Ressourcen mangelt, haben wir gelernt unseren grössten nationalen Vorteil zu schätzen: unser Verstand. Durch Kreativität und Innovation haben wir kahle Wüsten in blühende Felder verwandelt und Pionierarbeit an neuen Grenzen der Wissenschaft und Technologie geleistet. Wir sind erpicht darauf, unsere Erfahrung mit unseren Nachbarn zu teilen, wenn sie ihr gewaltiges menschliches Potential nutzbar machen werden.

Unser Potential kann jedoch nicht vollständig umgesetzt werden ohne Frieden. Frieden ist nicht bloss eine nationale Notwendigkeit, sondern auch ein moralischer Imperativ.

Dies ist heute besonders wahr, wenn die Kräfte der Freiheit und jene der Täter des Extremismus zusammenprallen. Frieden zwischen Israel und den Palästinensern zu erlangen, würde beispielsweise diejenigen, die nach Freiheit streben stärken und die Unterdrücker, die den Konflikt für ihre eigenen Zwecke instrumentalisieren, schwächen.  Ich habe mich oft mit Mahmoud Abbas, dem Präsidenten der Palästinensischen Autonomiebehörde, getroffen und ich weiss, dass Frieden möglich ist. The Konturen des Abkommens sind uns allen klar: zwei Staaten für zwei Völker, die nebeneinander leben in gegenseitiger Anerkennung, Sicherheit und Frieden.

Die Feinde der Freiheit im Nahen Osten sind auch die Feinde des Friedens. Das iranische Regime unterdrückt sowohl sein eigenes als auch andere Völker in der Region. Es verhindert Frieden durch Finanzierung des Terrors weltweit. Mit der ultimativen Waffe, die es irreführend entwickelt, zielt das Regime darauf ab, die Vormachtstellung über den gesamten Nahen Osten zu gewinnen und die Welt als ökonomische Geisel zu halten.

Israelis können die Leugnung des Holocaust der iranischen Leiter und ihre wiederholten Aufrufe zu unserer Zerstörung nicht ignorieren. Gleichzeitig glauben wir, dass die internationalen Bemühungen – angeführt von Präsident Obama, einem Freund des Friedens und einem Freund Israels – Irans tödlichen Kurs zu ändern. Wir glauben, dass wie Obama erklärt hat, alle Optionen auf dem Tisch bleiben müssen .

Ich bin ein Optimist, aber ich bin nicht naiv. Meine zahlreichen Jahre im öffentlichen Dienst haben mich die Schwierigkeiten gelehrt, Ideale und politische Realitäten miteinander in Einklang zu bringen. Dennoch verstehe ich auch die Notwendigkeit, mit einem moralischen Kompass zu navigieren. Eine nach Frieden trachtende Nation wird schlussendlich triumphieren.

Letzte Woche erhielt ich im Namen des Volkes Israels im Weissen Haus die Presidential Medal of Freedom. Diese Auszeichnung ist ein Testament für Israels Verpflichtung zu Freiheit und Frieden. Diese Woche bin ich Gastgeber meiner jährlichen Konferenz, an der globale Denker darüber nachdenken werden, wie die Früchte der Freiheit und des Friedens für künftige Generationen weltweit gewährleistet werden können.

Der Nahe Osten leidet an Malaise. Aber wir können uns eine robuste und gedeihende Region vorstellen und herbeiführen, indem wir Mängel tilgen, Chancen schaffen und Gleichheit für alle garantieren. Die Strasse zur Erholung beginnt – und endet – mit Freiheit.

(Englisches Original: Los Angeles Times Online:

http://www.latimes.com/news/opinion/commentary/la-oe-peres-middle-east-malaise-20120618,0,3627412.story )

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