Bildung in Israel

Dass auch in Israel Kinder in die Schule gehen und junge Erwachsene studieren und sich weiterbilden, dürfte niemanden überraschen. Doch wie ist eigentlich das Schulsystem in Israel aufgebaut? Und was studieren all die vielen Studierenden, die Israel zu dem Land mit den zweitmeisten Akademikern in der OECD machen?

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Themenüberblick:

  • Bildung in Israel
  • Schulsystem
  • Erziehung von überdurchschnittlich begabten und von behinderten Kindern Hochschulbildung

 

Schulsystem

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Die allgemeine Schulpflicht gilt in Israel im Alter von fünf bis sechzehn Jahren, Kinder zwischen 0 und 17 Jahren stellten Ende 2010 mit 2,52 Millionen etwa ein Drittel der Einwohner des Staates Israel.

Mit fünf Jahren besuchen israelische Kinder den Gan Chova, eine Art Vorschule, deren Besuch im Jahr vor dem Schulbeginn verpflichtend ist. Mit sechs Jahren werden sie eingeschult.

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Das Schulsystem untergliedert sich im Wesentlichen in vier verschiedene Züge:

– Staatliche Schulen, die von den meisten Schülern besucht werden.

– Staatlich-religiöse Schulen, die jüdische Studien, jüdische Kultur und Tradition besonders in den Vordergrund rücken.

– Arabische und drusische Schulen mit der Unterrichtssprache Arabisch, die besonderes Gewicht auf arabische oder drusische Geschichte, Religion und Kultur legen.

– Private Schulen, die unter der Schirmherrschaft verschiedener religiöser und internationaler Gruppen geführt werden. Bei ihnen trägt der Staat etwa 75% der Kosten. Den größten Anteil an den privaten Schulen haben ultraorthodoxe Schulen, in denen die Schülerinnen und Schüler hauptsächlich in religiösen Fächern und lediglich in sehr beschränktem Maße in weltlichen Fächern unterrichtet werden. Darüber hinaus zählen aber auch Demokratische und Internationale Schulen, sowie etwa koedukative Schulen, an denen arabische und jüdische Kinder gemeinsam in beiden Sprachen unterrichtet werden, zu dieser Kategorie.

Der Anteil der Kinder, die die verschiedenen Schulzüge besuchen, verschiebt sich in den vergangen Jahren entscheidend: Im Schuljahr 1999/00 besuchten noch 20% der jüdischen Grundschüler eine Schule, die unter ultra-orthodoxer Oberaufsicht stand, im Schuljahr 2009/10 waren es bereits 28%. In den weiterführenden Schulen waren es 1999/00 noch 15% gewesen, 2009/10 lag der Anteil bereits bei 20% aller jüdischen Schüler.

Anders als in Deutschland existiert kein dreigliedriges Schulsystem, die Kinder und Jugendlichen besuchen gemeinsam eine allgemeinbildende Gesamtschule, die sie mit der zwölften Klasse zur Bagrut, dem Abitur, führt. Der größte Teil der Schülerinnen und Schüler besucht 12 Jahre die Schule (2010 waren es 92%, im Gegensatz zu 2003 noch 89%, OECD-Durchschnitt 84%), ein kleinerer Teil verlässt sie bereits nach der 10. Klasse.

Je nach Bevölkerungsgruppe bestehen beim Abitur jedoch große Unterschiede: Die Prozentzahl der christlichen Schüler, die jährlich das Abitur ablegen, liegt mit 63% noch über der der jüdischen Schüler (58%) und deutlich über der der muslimischen Schüler (50%).

 

 

Erziehung von überdurchschnittlich begabten und von behinderten Kindern

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Hochbegabte Kinder, die zu den drei Prozent der besten Schüler ihrer Schulklasse gehören und entsprechende Qualifikationsprüfungen bestanden haben, nehmen an Begabtenförderprogrammen teil, die von Zusatzkursen außerhalb des normalen Lehrplanes bis zu speziellen ganztägigen Hochbegabtenschulen reichen.

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Der Hochbegabtenunterricht ist dem Niveau seiner Schüler angepasst und beschränkt sich nicht nur darauf, Kenntnisse zu vermitteln, sondern leitet die Schüler auch an, Gelerntes auf andere Wissensbereiche anzuwenden. Die Schüler lernen selbständig zu forschen und zu arbeiten.

Körperlich, geistig oder lernbehinderte Kinder werden je nach ihren Fähigkeiten und der Schwere ihrer Behinderung in ein entsprechendes Schulsystem eingegliedert, um dort ihre Fähigkeiten entfalten zu können und eine optimale Integration in das soziale und berufliche Leben der Gesellschaft, in der sie leben, zu erfahren.

Einige Kinder werden in speziellen Sonderschuleinrichtungen betreut, während andere reguläre Schulen besuchen, wo sie entweder speziellen Klassen für Behinderte zugeteilt oder zusammen mit nichtbehinderten Kindern unterrichtet werden und zusätzlich zum normalen Unterricht Förderunterricht erhalten.

Die Verantwortung für das Wohl und die Förderung der Kinder liegt bei Psychologen, Sozialarbeitern, Behindertenpädagogen und medizinischem Personal sowie bei der Familie des Kindes und verschiedenen unabhängigen Hilfsorganisationen und -gruppen.

 

 

Hochschulbildung

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Der Grundstein für die erste israelische Universität, das Technion in Haifa, wurde bereits 1912 gelegt – 36 Jahre vor Staatsgründung.

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1925 besucht Albert Einstein das Technion

Seitdem zeichnen sich die israelischen Universitäten nicht nur durch exzellente Lehre sondern auch Forschung aus: Israel mag bei den PISA-Vergleichsstudien nicht gerade ganz oben dabei gewesen sein, doch hat das Land bereits 10 Nobelpreisträger hervorgebracht – und das in fünf so verschiedenen Kategorien wie Chemie, Frieden, Literatur und Wirtschaft.

In den vergangenen zwei Jahrzehnten ist das Angebot der Hochschulbildung in Israel deutlich gestiegen. Gab es im Studienjahr 1989/90 noch 21 Institutionen, die akademische Grade anboten und an denen 88.800 Studierende eingeschrieben waren, so gab es in Israel im Studienjahr 2011/12 70 Institutionen (darunter 7 Universitäten) mit 306.600 Studierenden (einschließlich 47.900 an der Fernuniversität Ha-Universita ha-ptucha).

In dieser Zeit wuchs die Zahl der Studierenden jährlich durchschnittlich um 5,8%.

Von den 258.700 Studierenden, die im Schuljahr 2011/12 an den Universitäten, akademischen Colleges und Lehrerseminaren in Israel eingeschrieben waren, studierten 75% in einem Bachelor-Studiengang. 20,4% waren für einen Master eingeschrieben und 4,1% für ein Doktorat.

Ein Hochschulstudium ist in Israel nach wie vor hauptsächlich eine Angelegenheit der öffentlichen Hochschulen: Lediglich 14,1% studieren an privaten Institutionen. Im OECD-Durchschnitt sind es 15,5%, in Deutschland etwa 5%.

Im akademischen Jahr 2011/12 ist die Zahl der Erstsemester im Bachelor-Studium an den Universitäten stabil geblieben, in den Colleges jedoch signifikant gestiegen.

Die meisten Bachelor-Studenten gab es in den Geistes- und Sozialwissenschaften, Master-Studierende waren in der Mehrheit in den Geistes- und Wirtschaftswissenschaften eingeschrieben; Doktoranden zumeist in naturwissenschaftlichen Fächern und Mathematik.

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Die Hebräische Universität Jerusalem

Die Mehrheit aller Studierenden, sowohl in den Bachelor-, als auch in den Master- und den Dissertationsstudiengängen, sind Frauen: Beim Bachelor waren es im vergangenen Studienjahr 56,1%, beim Master 59,8%, und bei den Doktoraten war es immerhin noch eine dünne Mehrheit von 52,4%.

Die Studiengänge Medizin, Architektur und Städtebau waren im Studienjahr 2011/12 im Verhältnis zur Zahl der verfügbaren Plätze am beliebtesten: Hier herrschte das größte Missverhältnis zwischen Bewerbern und Studienplätzen.

Sechzig Prozent der Israelis im relevanten Alter waren in ihrem Leben einmal für ein Bachelor-Studium eingeschrieben – auch hier besteht ein großer Unterschied zwischen Frauen (66%) und Männern (53%). Israel liegt unter den OECD-Staaten auf Platz zwei, was den Anteil der Akademiker an der Bevölkerung betrifft. 56% Prozent der Israelis in der relevanten Altersgruppe haben demnach einen akademischen Abschluss, gegenüber 30% im OECD-Durchschnitt.

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Israelische App krempelt das Taxi-Gewerbe um – bald weltweit

Get-Taxi, eine App für Smarthpones, hat in den letzten zwölf Monaten erfolgreich das Tel Aviver Taxigewerbe in Aufruhr versetzt und will jetzt mit frischem Investoren-Geld andere Grossstädte weltweit erobern. In Tel Aviv hat die neue virtuelle Taxizentrale zu Spitzenzeiten am Abend, wenn viele junge Kunden unterwegs sind, bereits bis zu 30% Marktanteil. Die alteingesessenen Taxi-Zentralen wollen nun mit einer eigenen App nachziehen.

Get-Taxi erlaubt den Taxiruf per Knopfdruck. Die App weist dem Fahrgast ein freies Taxi in der Nähe zu und zeigt ihm sodann die Position des Fahrzeugs und sogar die Bewertung früherer Fahrgäste an. Die personalintensive Arbeit der bisherigen Taxizentralen entfällt. Für die Taxis ist der Anschluss an diese neue ‚Zentrale’ denn auch um rund 60 Prozent günstiger als die Gebühren herkömmlicher Zentralen.

2000 Fahrer in 15 Städten weltweit nutzen gemäss Firmenangaben bereits die Get Taxi App, darunter Taxis in Metropolen wie Moskau und London – und jetzt soll der gigantische Taxi-Markt von New York dazukommen. Dabei hat Get-Taxi aber mit harter Konkurrenz zu kämpfen. In mancher Stadt wurden ähnliche Taxi-Apps entwickelt, die sich jetzt auch um den Weltmarkt bemühen. Der Verdrängungskampf

läuft. Denn es ist absehbar, dass sich auch dieser Markt in einer globalisierten, vernetzten Welt auf einige wenige Produkte fokussieren wird.

Weitere Informationen:

Kampf der Taxi-Zentralen in Tel Aviv (englisch), Haaretz.com, 13.06.12

http://www.haaretz.com/business/fare-fight-tel-aviv-s-taxi-dispatchers-wage-war-on-popular-smartphone-app-1.436067

Taxi-App Konkurrenzkampf in New York (englisch), Crainsnewyork.com, 06.06.12

http://www.crainsnewyork.com/article/20120606/TRANSPORTATION/120609918

MyTaxi-App in Zürich, TagesAnzeiger, 16.02.12

http://www.tagesanzeiger.ch/zuerich/stadt/App-will-Zuercher-Taximarktaufmischen/story/31577964

 

(Quelle: Samuel Suter, „Zwischenzeilen“ – Gesellschaft Israel-Schweiz, 19.6.12 / Photo: Haaretz, Eran Lanun)

Wieso will Gaza niemand helfen?

von Khaled Abu Toameh

Wer hält die Palästinenser eigentlich davon ab, aus dem Gazastreifen das Hong Kong des Nahen Osten zu machen? Ist es Israel, sind’s die Palästinenser selber oder die arabischen Länder?

In den letzten Wochen hat der HamasMinisterpräsident Ismail Haniya eine Reihe arabischer und islamischer Länder in der Absicht besucht, finanzielle Hilfe für den „Wiederaufbau“ des Gazastreifens zu erhalten. In dieser Woche nun ist Haniya mit einem Koffer voller Versprechen zur Hilfe für die palästinensischen Einwohner des Gazastreifens zurückgekehrt, aus dem Iran, Katar, dem Sudan, Bahrain und den Vereinten Arabischen Emiraten. Einige haben versprochen, Zement und Baumaterial zur Verfügung zu stellen, andere haben in Aussicht gestellt, verschiedene Wirtschafts- und Wohnungsbauprojekte zu finanzieren.

Doch Palästinenser haben sich an leere Versprechungen von arabischen und islamischen Ländern gewöhnt.

In der Vergangenheit hat die Arabische Liga den Einwohnern im Gazastreifen Hilfe in Höhe von vier Milliarden Dollar zugesagt. Doch bisher haben sie aus den arabischen und islamischen Ländern nichts  gesehen, sagen Palästinenser. Zu Beginn des Jahres beschuldigte die Hamas die Palästinensische Autonomiebehörde PA, sich einige Millionen Dollar unter den Nagel gerissen zu haben – Gelder, die von arabischen und islamischen Ländern zur Hilfe der Einwohner im Gazastreifen gespendet worden waren. Die PA bestreitet dies.

Natürlich ist es ein Leichtes, Israel die Schuld für die andauernde Krise im Gazastreifen zu geben; und so machen es auch die Hamas, die PA und der Rest der arabischen und islamischen Länder. Einzig und allein Israel ist schuld  – an allem was im Gazastreifen schief läuft, sagen sie. Wenn’s Probleme mit Drogen im Gazastreifen gibt: die Israelis müssen dahinterstecken.

Und wenn kein Strom im Gazastreifen fliesst, sind Hamas und die PA sofort zur Stelle, um Israel auch für diese Krise verantwortlich zu machen. Doch das Palestinian Center for Human Rights hat diese Woche gemeldet, dass die Palästinenser – und nicht Israel – für die Stromkrise verantwortlich sind. Die Menschenrechtsgruppe hat darauf hingewiesen, dass die Hamas meldete, der Betrieb des Energiewerks in Gaza sei aufgrund von Benzinmangel unterbrochen worden. Bis vor kurzem wurde Benzin durch unterirdische Tunnel aus Ägypten geschmuggelt. Davor ist das Benzin aus Israel gekommen, und die PA im Westjordanland kam für die Kosten auf. Doch wegen der Streitigkeiten zwischen Hamas und Fatah hat die PA die Zahlungen eingestellt. PA-Beamte beschuldigten die Hamas, Benzin für ihre eigenen Institutionen und Fahrzeuge zu stehlen.

Wenn also irgendjemand die Schuld trägt an der Tatsache, dass Hunderttausende Palästinenser ohne Stromversorgung waren, dann sind es Hamas und Fatah. Auch für die Medikamentenknappheit im Gazastreifen macht die Hamas die PA verantwortlich: sie habe diese  nicht geliefert.

Als Israel den Gazastreifen 2005 verlassen hat, bot sich den Palästinensern die Gelegenheit, die Küstengegend in das Hong Kong der arabischen Welt zu verwandeln.  Alle waren bereit, den Palästinensern im Gazastreifen zu helfen, auch Israel und Juden in den USA und Kanada. Doch die Palästinenser zogen es vor, den Gazastreifen zu einem Zentrum für islamistische Gruppen zu machen.

Seither haben diese Gruppen den Einwohnern im Gazastreifen nichts ausser Tod und Zerstörung gebracht. Heute ist der Gazastreifen drauf und dran, rückwärts zu gehen. Die Radikalen bestimmen – unter der Rückendeckung  vieler Palästinenser –, wo es lang geht, und es zeigt sich keine Hoffnung, dass in absehbarer Zukunft moderate Kräfte entstehen.

Aus diesem Grund sind Araber und Muslime nicht erpicht darauf, Dollars in Milliardenhöhe in den Gazastreifen zu überweisen. Denn sie wissen, dass das Geld für den Kauf von Waffen und Munition drauf geht  – nicht für den Bau neuer Schulen und Krankenhäuser.

Originalversion: How Come No One Wants to Help Gaza? by Khaled Abu Toameh © Stonegate-Institute, February 21, 2012.

(http://www.audiatur-online.ch 27.2.12)

Tumoroperation an äthiopischem Mädchen

Yamesrach Kebede kann wieder lachen – israelische Ärzte haben ihr das Leben gerettet. Die zehnjährige Yamesrach aus Äthiopien litt an einem großen Tumor im rechten Auge, der ihr die Sehkraft geraubt hat.

Der bereits in früher Kindheit entstandene Tumor drückte nicht nur das Auge nach außen, es bestand auch die Gefahr, dass er sich auf das Gehirn ausbreiten und somit lebensgefährlich werden würde. In Äthiopien kam eine Operation nicht in Frage, da die dortigen Krankenhäuser weder über die nötige Ausstattung noch das Know-how dafür verfügten.

 

Yamesrach Kebede nach der Operation (Foto: V. Kahana)

Doch Yamesrach Kebede hatte Glück: Vor drei Monaten begegnete sie einem Team von Augenärzten, die im Auftrag von „Save Sight“, einem von MASHAV, der Agentur für internationale Zusammenarbeit des Außenministeriums, geförderten Projekt, in Äthiopien Augen-OPs durchführten.

Nati Marcus, der Gründer und Vorsitzende der an dem Projekt beteiligten Organisation „Eye from Zion“ nahm sich des Mädchens an: „Nach einer ersten Untersuchung und der Diagnose, dass es sich nicht um einen bösartigen Tumor handelte, beschlossen wir, sie nach Israel zu bringen“, so der Arzt.

Die Aktion hatte viele Unterstützer, u.a. MASHAV, die israelische Botschaft in Addis Abeba und natürlich die Ärzte, die zustimmten, die äußerst riskante Operation durchzuführen.

Dr. Guy Ben Simon, der Yamesrach gestern am Tel Hashomer-Kinderkrankenhaus operierte, erzählt, er habe Experten auf der ganzen Welt konsultiert, bevor er in den OP-Saal gegangen sei.

 

Dr. Simon (Mitte) und Yamesrach (Foto: V. Kahana)

Die kleine Patientin, die in Begleitung ihrer älteren Schwester nach Israel gekommen ist, wird nun in Haifa ein künstliches Auge erhalten und dann nach Äthiopien zu ihrer Familie zurückkehren.

Für Simon war es nicht die erste ehrenamtliche Operation. „Ich war in vielen Delegationen von Augenoperationen in Indien, Äthiopien und anderen Orten in Afrika. […] Als [Marcus] mich wegen des Mädchens ansprach, bin ich damit zur Krankenhausverwaltung gegangen, die sofort bereit war zu helfen“, erzählt der Arzt.

Auch im nächsten Jahr plant Dr. Simon einen Aufenthalt in Äthiopien. „Ich hoffe, sie dann wiederzutreffen und noch einmal zu untersuchen.“

(Ynet, 22.02.12)

Das erste Facebook-Buch kommt aus Israel

Der israelische Autor Alex Epstein hat sich etwas Besonderes einfallen lassen, um für sein neues Buch „Für meinen nächsten Zauber brauche ich Flügel“ zu werben: Er veröffentlichte das gesamte Buch in 88 Teilen bei Facebook.

Ziel dieser neuen Form der Veröffentlichung sollte in erster Linie sein herauszufinden, wie sich Literatur durch soziale Medien formen lässt. Zwar sind digitale Bücher mittlerweile nichts Neues mehr, doch ahmen E-Books bisher den althergebrachten Lesegenuss nach und stellen etwa digitale Bücherregale, Lesezeichen und ähnliches zur Verfügung.

Epstein hingegen wollte einen Schritt weitergehen und die Entwicklung von Literatur in den sozialen Medien testen. Er wollte beobachten, was passieren würde, wenn der Leser selbst sofort Feedback geben kann und sieht, was seinen Freunden gefällt, welche Inhalte seine Freunde teilen und er sich durch Kommentare mit ihnen und dem Autor austauschen kann.

Dafür wählte der Autor absichtlich eine technisch sehr einfache Form der Verbreitung und veröffentlichte sein Buch in der Form eines Fotoalbums. Dadurch ist das Buch sowohl am Computer als auch auf dem Smartphone gut lesbar.

Durch die Möglichkeit, ein Buch auf der Plattform zu lesen, auf der die meisten Menschen sowieso einen großen Teil ihrer Zeit verbringen, wurde Epsteins Buch „viral“ – und das, obwohl seine Bücher bisher keinen Massenabsatz gefunden hatten.

Diese Einbindung von Literatur in das alltägliche Leben – also die Veröffentlichung der einzelnen Teile im gleichen Feed wie die Statusupdates, Fotoalben und Nachrichten der Facebook-Freunde – habe gezeigt, dass Menschen durchaus Interesse an Literatur haben und man ihnen nur die geeignete Möglichkeit geben müsse, diese zu entdecken, so Epstein.

Alex Epstein wurde 1971 in Leningrad (St. Petersburg) geboren und kam im Alter von acht Jahren nach Israel. Er hat vier Kurzgeschichten-Bände und drei Romane geschrieben. 2003 erhielt er den Literatur-Preis des Ministerpräsidenten. Die Kurzgeschichten-Bände „Blue has no south“ und „Lunar savings time“ sind auch auf Englisch erschienen.  

(Electric Literature, 15.02.12)

Zu einem Auszug aus dem Facebook-Buch auf Englisch geht es hier: www.facebook.com/photo.php?fbid=10150609367788011&set=a.10150607010303011.404919.90126328010&type=3&l=60835bb6f1&permPage=1

Was für Europa gut genug ist…

Von Amichai Magen

Wie wird sich Europa im September verhalten? Diese Frage ist zum einen von großer Bedeutung, weil jede Resolution der UN-Vollversammlung, die einen palästinensischen Staat anerkennt, die Unterstützung der westlichen Demokratien für die moralische und politische Autorität benötigt. Zum anderen hängt die volle UN-Mitgliedschaft (das eigentliche Ziel der Palästinenser)  von der Zustimmung des Sicherheitsrats ab – und ein Drittel der Sitze im Sicherheitsrat sind derzeit in den Händen der Europäer.

Wenn es hart auf hart kommt, werden die USA ihr Veto gegen den palästinensischen Antrag einlegen, doch wenn die EU sich ebenfalls gegen die unilaterale Erklärung der Unabhängigkeit positionierte, würde das eine klare Botschaft senden, dass Frieden nicht erzwungen werden kann, sondern erarbeitet werden muss.  Die EU Außenminister treffen sich nächste Woche in Polen, wo sie gemeinsam einen solchen Standpunkt deutlich machen könnten.

Friedenskonsolidierung, oder „Peace-building“, in der eigenen Nachbarschaft ist etwas, auf das Europa mit gutem Recht stolz sein kann. Seit dem Ende des Kalten Kriegs hat die EU bei der Transformation der armen, autoritären, kriegsgeschundenen Ländern des ehemaligen Sowjet-Blocks und des Balkans zu funktionierenden Marktwirtschaften und Demokratien eine ausschlaggebende Rolle gespielt.

Diese Transformation wurde durch einen vorsichtigen, langfristigen Ansatz des Peace-building erreicht und beruhte darauf, dass echter Frieden und Sicherheit von Nachbarstaaten abhängen, die stabile Demokratien sind und die Rechtstaatlichkeit, Menschenrechte und friedliche Konfliktlösung respektieren und garantieren können.

Die UN-Vollversammlung (Foto: P. Gruban)

In der Tat hat Europa die neuen Staaten nur unter der Bedingung anerkannt, dass sie demokratische Prinzipien respektieren, gegen Korruption vorgehen, Menschen- und Minderheitenrechte garantieren, Waffenkontrolle akzeptieren und sich der guten Beziehungen zu ihren Nachbarn verpflichten.

Um die Einhaltung dieser Standards zu sichern, bindet die EU alle Vorteile – diplomatische Unterstützung, Zugang zum europäischen Binnenmarkt und Milliarden Euro an Wirtschaftshilfe – an die Erlangung einer verantwortungsvollen Regierung und der Einhaltung freiheitlicher Grundwerte. Der Vertrag von Lissabon verpflichtet die EU, diese Werte in ihrer Außenpolitik hochzuhalten und voranzutreiben.

Eine europäische Unterstützung für die unilaterale Staatsausrufung der Palästinenser würde nicht nur diese Werte verraten, sondern wäre auch ein kolossaler politischer Fehler, der sehr leicht in regionaler Instabilität enden könnte.

Als Mitglied des Nahost-Quartetts und größter Geber finanzieller Unterstützung an die Palästinenser ist die EU formal einer verhandelten Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts, basierend auf zwei funktionierenden, demokratischen Staaten, die Seite an Seite in sicheren und anerkannten Grenzen leben, verpflichtet.

Europa hat zwar den Plan zur Entwicklung und Reform von Salam Fayyad unterstützt, doch dieser Plan konzentrierte sich auf eine relativ geringe Anzahl finanzwirtschaftlicher und administrativer Reformen. In Wirklichkeit bleibt die Palästinensische Autonomiebehörde gefährlich arm und erzielt sehr schlechte Ergebnisse bei allen wichtigen Indikatoren für Demokratie, Rechtstaatlichkeit, zivile Kontrolle bewaffneter Gruppen, Korruption und Menschenrechte.

Um einen funktionierenden palästinensischen  Staat zu errichten, der willens und in der Lage ist, in Frieden mit seinen Nachbarn zu leben, muss man das zerstörerische Erbe von Jassir Arafats autoritärer Herrschaft überwinden, eine Kultur des bewaffneten Kampfes, der störenden Rolle radikaler Kräfte von außen (insbesondere Iran und Hisbollah) und der Gewalt zwischen rivalisierenden palästinensischen Gruppierungen. Die Abhängigkeit von der Hilfe von außen muss reduziert, ein der Geburtenrate angemessenes Wirtschaftswachstum garantiert und der palästinensischen Hetze gegen Nichtmuslime ein Ende bereitet werden.

All das kann nur im Rahmen eines langfristigen, tiefgreifenden, und weitreichenden Reformprozesses erreicht werden, der eine fähige und verlässliche Regierung garantiert.

Die Sicherheitsstrategie der EU besagt folgendes: „Die Qualität der Staatengemeinschaft hängt von der Qualität der sie tragenden Regierungen ab. Der beste Schutz für unsere Sicherheit ist eine Welt verantwortungsvoll geführter demokratischer Staaten.“

So wahre Worte wurden nur selten geschrieben oder einhellig von den Führern einer internationalen Organisation unterstützt. Und sie gelten genauso für die Sicherheit und das Wohlergehen von Israelis und Palästinensern wie sie für Europäer gelten.

 

Der Autor ist Leiter der Politischen Entwicklungsabteilung am Institut für Counter-Terrorismus (ICT) am Interdisciplinary Center (IDC), Herzliya; Gastwissenschaftler am Hoover Institut, Stanford University, und Vorstandsmitglied im World Jewish Congress (WJC).

(Jerusalem Post, 04.09.11)

Ein Plädoyer für Israel

Kein Land wird härter kritisiert, kein Staat öfter verurteilt. Zu Recht? Ein Kommentar von BaZ-Chefredaktor Markus Somm.

Soll die Schweiz einen Staat Palästina anerkennen? Die aussenpolitischen Kommissionen des Parlaments, die sich mit dieser Frage auseinandergesetzt hatten, trauten sich nicht, zu einem Entscheid zu kommen, sondern versteckten sich hinter wortreichen, nichtssagenden Sätzen. Insgeheim hoffen die Politiker wohl auf den Bundesrat – dass er ihnen den Schritt abnimmt, der, ganz gleich, wie er ausfällt, die einen verärgert und die andern erleichtert. Kalt lässt es niemanden. So kurz vor den Wahlen möchte sich keiner exponieren. Israel ist Zunder.

Doch wie auch immer die Politiker sich ducken, im September wird die Schweiz Farbe bekennen müssen, wenn die UNO-Generalversammlung in New York zusammentritt. Verläuft alles nach Plan, wird Palästinenser-Präsident Mahmud Abbas dann einen eigenen Staat ausrufen – und er wird darauf setzen, dass er die Mehrheit der UNO-Mitglieder dafür gewinnt. Mit Grund. Wer sich die Mehrheitsverhältnisse in der UNO vor Augen führt, ahnt, dass die Palästinenser auf breites Wohlwollen stossen dürften. Israel ist einsam. Um die Anerkennung Palästinas abzuwehren, kann die israelische Regierung lediglich auf das fast sichere Veto der Amerikaner wetten. Auch Deutschland wird den Judenstaat nicht im Stich lassen. Alle anderen westlichen Staaten dagegen sind unsichere Kantonisten – von der übrigen Welt nicht zu reden.

Israel allein. Nachdem die Juden seit gut zweitausend Jahren verfolgt worden sind, dürften viele Israelis mit der Isolation fertigwerden; man hat schon Schlimmeres erduldet. Doch können wir Schweizer abseits stehen, wenn Israel erneut desavouiert und vorgeführt wird? Hielten wir uns an die Maximen schweizerischer Aussenpolitik, wäre alles einfach: Wir sind neutral. Seit wann anerkennen wir Staaten, die offensichtlich nicht unabhängig sind? Noch ist die West Bank von den Israelis besetzt, noch hat sich das Land mit den Israelis in keiner Weise arrangiert. Ein Friedensabkommen steht in den Sternen. Gerade in Fragen internationaler Politik, die neuerdings unnötig komplex gestellt werden, hilft es, simpel zu bleiben. Nicht nach ästhetischen Kriterien müssen wir solche Fragen betrachten – gefällt oder missfällt uns dieser Staat –, sondern formell: Kann dieser Staat notfalls seine Souveränität verteidigen? Wer ist Herr im Haus? Realismus ist gefragt, nicht der Schein.

Die unglücklichen Tibeter

Tibet wird seit Jahrzehnten von China okkupiert – gemäss Völkerrecht sicher zu Unrecht. Nie wäre es der Schweiz aber in den Sinn gekommen, ein autonomes Tibet zu akzeptieren. Als 2004 eine Petition dies verlangte, befand unser Aussenministerium: «Das EDA wird in der UNO keine Resolution über das Selbstbestimmungsrecht der Tibeter einbringen, da die Schweiz wie die meisten Staaten der internationalen Gemeinschaft der Ansicht ist, dass Tibet als autonome Region im Rang einer Provinz ein integraler Bestandteil der Volksrepublik China ist. Eine solche Resolution würde eine Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines anderen Staates darstellen.»

Früher anerkannte die Schweiz Staaten, wenn die Realität ihr nichts anderes übrig liess, heute gibt es immer mehr Leute, die sich dafür einsetzen, dass wir uns in der Aussenpolitik normativ verhalten, dass wir also etwas tun, um die Realität nach unseren Wünschen zu formen. Nicht was ist, soll uns bewegen, sondern was werden könnte oder sollte oder müsste.

Ich halte das für falsch, weil sich ein Staat rasch lächerlich macht, der mit schillernden Deklamationen um sich wirft, die in der Wirklichkeit verdampfen wie heisses Wasser. Der Kleinstaat Schweiz wird den Nahost-Konflikt nicht lösen können. Eine Anerkennung Palästinas als Staat zum jetzigen Zeitpunkt ist Unsinn – genauso wie es unnütz war, den Kosovo zum Staat zu erklären, obschon jeder vernünftige Mensch wusste, dass das noch lange kein Staat war. Warum sollten wir so tun, als ob wir etwas täten? Es ist kontraproduktiv, es schadet Israel, es hilft den Palästinensern in keiner Weise.

Der Unsinn aber hat System. Wenn es um Israel geht, erfasst viele Menschen im Westen eine bemerkenswerte Leidenschaft: In den vergangenen Wochen erschien in der NZZ ein grosses, teures Inserat: «Palästina anerkennen!» Initiiert von der Gesellschaft Schweiz–Palästina, die im Übrigen vom BaZ-Kolumnisten Daniel Vischer präsidiert wird, einer Organisation, die seit Jahren einen scharfen antiisraelischen Kurs verfolgt, führt der Aufruf die Namen vieler Schweizer auf, die wahrscheinlich glauben, damit den Frieden im Nahen Osten zu fördern. Wer zweifelte an ihrem guten Willen? Doch warum kümmert sie Israel so sehr?

Israel, ein westliches, tüchtiges und demokratisches Land, das in manchem der Schweiz gleicht – mit dem nicht unwesentlichen Unterschied indes, dass es bis heute von einem grossen Teil seiner Nachbarn am liebsten ins Mittelmeer gekippt werden würde –, dieses Land, das die Juden nach einer zweitausendjährigen Diaspora wieder besiedelt und in einen blühenden Garten verwandelt haben, es wird kritisiert wie kein anderer Staat dieser Welt. Der UNO-Menschenrechtsrat in Genf befasst sich mit keinem Land so oft und so gern, niemand wird in internationalen Gremien so regelmässig verurteilt wie der Judenstaat. Libyer und Kubaner empfehlen sich als Experten für Menschenrechte. Käme ein Männchen vom Mars auf die Erde, es erhielte den Eindruck, kein Staat bedrohte die Menschheit so sehr wie Israel.

Das Elend der Besatzung

Gewiss, Israel darf man kritisieren: Die Besetzung der West Bank dauert viel zu lange und hat, wie das in allen ähnlichen Situationen zu beobachten war, auch die Besatzer verändert. Manche Übergriffe wurden bekannt; selbstverständlich kommt es zu Ungerechtigkeiten und Tragödien. An keiner Armee geht es spurlos vorüber, wenn sie als ungeliebte Besatzungsmacht fremde Leute beherrschen muss – über so lange Zeit. Es verdirbt den Charakter des einen oder andern Soldaten. Und sicher, ob es der Weisheit letzter Schluss ist, dass die Israelis in den besetzten Gebieten Siedlungen bauen? Man könnte sich andere vertrauensbildende Massnahmen vorstellen.

Doch hat Israel viele Alternativen? In der Hoffnung, Frieden zu bekommen, gab es Gaza frei. Seither regnet es in Israel Bomben, die aus Gaza abgefeuert werden. Palästina anerkennen? Solange mächtige Organisationen der Palästinenser wie die Hamas die Israelis vernichten wollen, scheint es anspruchsvoll, solchen selbst erklärten Massenmördern entgegenzukommen. Selbst uns Schweizern würde das schwerfallen, auch wenn wir uns für die Universalgelehrten des Kompromisses halten. Das Veltlin traten wir nach dem Wiener Kongress ab, ohne Italien seither mit Krieg überziehen zu wollen.

Was immer man Israel vorhält: Es fehlt meistens die Fairness. Warum regen sich die Israel-Kritiker nicht annähernd so intensiv über das eklatantere Unrecht in Zimbabwe auf? Warum dulden sie, wenn die Russen in Tschetschenien wüten, wie es die Israelis seit 1967 nie getan haben? Dass sie Israel so übertrieben hart beurteilen, macht ihre Kritik schwer erträglich – und verdächtig. Die Schweiz sollte Palästina keinesfalls anerkennen.

Von Markus Somm, BaZ 28.08.2011